Jeder, der schon einmal versucht hat, Zerbrochenes mit Zwei- Komponenten-Kleber zu retten, kennt es: Man drückt zwei zähe Pasten auf ein Stück Pappe, rührt mit einem Zahnstocher um, hat am Ende drei Luftblasen, zwei verklebte Finger und eine Nahtstelle, die nach fünf Minuten wieder auseinanderbricht.
Während Otto Normalverbraucher bei zwei Gramm Klebstoff schon ins Schwitzen gerät, schmunzelt man im Odenwald darüber nur milde. Denn beider Tartler Group in Michelstadt geht es um Zentner und Präzision: Das Familienunternehmen baut – unter anderem – große Dosier-und Mischanlagen, die flüssige Kunststoffe und Harze so perfekt zusammenbringen, dass damit Rotorblätter für Windkraftanlagen, Bauteile für Autos oder Hightech-Komponenten für die Luft- und Raumfahrt entstehen.
„Ich alleine würde das in dieser Größe und in dieser Intention ohne meine Frau nicht machen“, unterstreicht Udo Tartler, Inhaber und Geschäftsführer. Mit ihr teilt er sich nicht nur die Geschäftsführung, sondern auch das Büro. Seine Frau ist zuständig für alles rund um die Finanzen und die Mitarbeiter – er hingegen ist der Mann für all das, was mit Technik zu tun hat.
Arbeit, Familienleben, Urlaub, Hobby – nahezu 24/7 sind die beiden zusammen. Das funktioniert ? „Darüber wundern sich viele“, lacht der Firmenchef und stellt klar: Die Erfolgsgeschichte des Unternehmens ist das Zusammenspiel der beiden „Komponenten“ Sandra und Udo. Nicht umsonst heißt die Holding US-GmbH – die Großbuchstaben stehen für die Vornamen der beiden.
Durch ein Fenster kann man aus dem Büro hinab in eine Fertigungshalle blicken, in der gerade Infusionsanlagen für Windflügel gebaut werden. „Mischen is possible“ steht an einer Wand geschrieben – „Mischen ist möglich“– augenzwinkernd an den Hollywood-Blockbuster „Mission Impossible“ angelehnt.
Einwenig Bedauern hört man heraus, als Tartler sagt: „Ich ‚domptiere‘ 80 Mitarbeiter, schaue, dass Aufträge reinkommen und kämpfe mit der Bürokratie. Leider verlässt man im Laufe der Jahre den Ursprung, warum man die eigene Firma gestartet hat.“ Je mehr Verantwortung man als Chef eines Unternehmens übernimmt und je mehr Mitarbeiter man beschäftigt, umso weiter entfernt man sich von dem, was man ursprünglich einmal gelernt hat, so der Firmenchef.
Dass Udo Tartler ein großartiger Tüftler und Erfinder ist, beweisen die 16 Patente, die er im Laufe der Jahre entwickelt und angemeldet hat. Dazu zählen etwa der rotierende Statikmischer oder ein voll automatisiertes Vakuumsystem, das verhindert, dass beim Fasswechsel Luft in die Anlage oder den Prozess gelangt.
Tartler hat die innovativen Ideen, schlaue Köpfe setzen diese im firmeneigenen Forschungszentrum in die Praxis um.
Die Erfolgsgeschichte des Unternehmens liest sich wie eine Chronik deutschen Unternehmergeists: Nachdem ZweitenWeltkrieg kommt Tartlers Großvater aus Rumänien in den Odenwald. In Haingrund, einem Ortsteil von Lützelbach, fasst er Fuß und beginnt mit dem Zeltbau – von Party- und Bierzelten über Holzzelte bis hin zu Aluzelten. Udos Vater Edgar studiert Kunststofftechnik, leitet Projekte in Saudi-Arabien und macht sich anno 1981 in Haingrund selbstständig – in einer Garage.
2002, als der Platz in Haingrund nicht mehr reicht, zieht das Unternehmen nach Michelstadt. Man kauft Hallen einer ehemaligen Schlosserei und vergrößert seitdem stetig die Fläche. „Was wir brauchen, bauen wir selbst“, lautet Tartlers Motto seit 2004. Weil Zulieferer oft zu langsam sind oder die extremen Qualitätsanforderungen für die Mischerköpfe nicht erfüllen, gründet Tartler 2015 die „ZT Odenwald“.
Udo Tartlers Bruder Lukas leitet die Fertigung für Verbundwerkstoffe und das FED. Heute investiert das Unternehmen kontinuierlich in moderne 8-Achsen-Fräsen und Dreh-Fräszentren. Zur Tartler Group gehören darüber hinaus Tartler China in Shanghai, Tartler India und die ETP Walther GmbH.
Die Michelstädter Maschinen genießen weltweit einen hervorragenden Ruf. Doch internationales Wachstum bringt auch globale Herausforderungen mit sich. In Indien baut Tartler eine eigene Produktion auf: „Tartler Quality –Made in India for India“. In China hat man dagegen das Kopieren von Know-how erlebt und sich deshalb aus der Vor-Ort-Produktion zurückgezogen. Tartler steuert seine Märkte bewusst.
Der Exportanteil wird begrenzt, um von politischen Krisen oder Marktschwankungen unabhängig zu bleiben und um „verrückten Gesinnungen irgendwelcher Weltmächte aus dem Weg zu gehen“, so der Firmenchef.
Die Tartler Group ist trotz internationaler Erfolge ein echter Familienbetrieb geblieben. Als herzlich und wertschätzend bezeichnet der Chef das Verhältnis zu seinen Mitarbeitern. „Familie geht vor“, lautet das Credo: Flexible Arbeitszeiten, Rücksicht auf familiäre Belange und ein gesunder Mix aus jungen Talenten und erfahrenen Kräften prägen den Alltag.
VieleFirmenim Odenwald gehen derzeit insolvent oder geben auf. „Wir machen genau das Gegenteil: Wir rüsten auf und investieren“, unterstreicht Udo Tartler seine Herangehensweise. „Denn alles, was hier einmal weggefallen ist, bleibt auch weg.“
Wenn sich in Zukunft irgendwo auf der Welt ein riesiges Windrad dreht, ein Flugzeug sicher abhebt oder ein Mensch mit einer modernen Prothese wieder gehen kann, steckt mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Stück Michelstädter Ingenieurskunst dahinter. Bei Tartler wird zusammengefügt, was zusammengehört – mit Odenwälder Bodenständigkeit, viel Familiensinn, absoluter Präzision und ganz ohne verklebte Finger.